Hunger hatte nur der Gastgeber
(jedenfalls einer davon)
Wie knapp 80 Freunde unseren 25. Chaptergeburtstag zu etwas ganz Besonderem machten
Im Juli hat unser Chapter seinen 25. Geburtstag gefeiert, mit einem Wochenende in der Wolfsburg in Mülheim und knapp 80 Freunden aus über fünf Ländern. Ich war einer der Gastgeber, und davon will ich erzählen.
Wir haben das über zwei Jahre geplant, und dann ist es, wie es ganz oft ist, wenn man so etwas lange plant: Wenn es dann da ist, ist es so groß, dass man gar nicht richtig in der Lage ist, das alles aufzunehmen. Und am Ende schaut man zurück auf tolle Tage, aber man wünscht sich fast, Gast statt Gastgeber gewesen zu sein, um auf sich wirken zu lassen, wie das ist, wenn sich das ganze Chapter um Dich kümmert. Denn so war es: Es war wirklich jeder auf den Beinen und hat mit kleinen und großen Handgriffen dafür gesorgt, dass es ein gelungenes Wochenende wurde. Man macht sich das ja gar nicht klar, wie viele kleine Handgriffe geplant und ausgeführt werden müssen, damit für die Gäste der Eindruck entsteht, dass es eine spontane Party ist, auf der sich die Sachen dynamisch entwickeln.
Das Haus. Erbaut 1906 als Kurhotel des Solebads Raffelberg, mitten im Wald von Mülheim-Speldorf. Barocke Dachformen, Jugendstil, Schiefer und Fachwerk; das Gebäude steht unter Denkmalschutz.
Der Name. Er erinnert daran, dass in den Wäldern ringsum bis ins frühe 19. Jahrhundert Wölfe lebten.
Bewegte Jahre. Im Krieg diente das Haus der Flugabwehr für das westliche Ruhrgebiet, danach war es Sitz der britischen Besatzungsmacht.
Heute. Seit 1960 Katholische Akademie des Bistums Essen, mit Tagungsräumen, Gästezimmern und eigener Küche.
Und so war schon der Freitagmorgen stressig. Natürlich begann das Wochenende am Freitag mit einem zünftigen Frühstück in der Burg, aber ehrlich – ich komme bei so etwas sowieso immer zu spät, und außerdem war ich viel zu aufgeregt, um irgendetwas in meinen Bauch zu bekommen. Da fahren die aus ganz Europa an, aus England, Belgien, Luxemburg, Süddeutschland, Norddeutschland. Teilweise haben die Leute 1.000 Kilometer hinter sich, um uns zu besuchen – und ich soll mir erst mal den Bauch vollschlagen? Ganz sicher nicht. Der grummelt vielmehr vor Aufregung, und wenn es grummelt, dann ist die beste Ablenkung von all den Gedanken Arbeit: Kisten schleppen, Kram machen, eben all die kleinen Sachen in unseren Anhänger verbringen, die wir zur Wolfsburg nach Mülheim bringen wollen.
Gegen eins gilt es dann, auf dem Gelände der Wolfsburg das aufzubauen, was wir eben in Essen abgebaut haben, und das hilft auch bei flauem Magen. Getränkewagen aufbauen, Tische richten und – Gastgeschenke packen. Da hinein kam, was man an so einem Wochenende eben verschenkt, und wir haben eine richtiggehende Straße aufgebaut, um 80 gleiche Taschen zu packen. Und wie ich auf diese Straße schaue und sehe, wie wir alle Hand in Hand als Team arbeiten, da weiß auch ich zum ersten Mal: Das wird ein geiles Wochenende. Mit so einem Chapter kann das gar nicht schlecht werden.


Und ich kann auch zum ersten Mal essen. Um 15:00 Uhr gibt es in der Wolfsburg aber nichts und in der Umgebung noch viel weniger – bis auf eine einsame Tankstelle finde ich da nichts. Aber die Wolfsburg reicht Obst, und Kaffee ist in unserer Tagespauschale enthalten. Also muss ich damit vorliebnehmen.
Stück für Stück tröpfeln unsere Gäste ein, und da gibt es ein großes Hallo. Ich war bisher immer nur Gast auf anderen Treffen, und dieser Perspektivwechsel ist so spannend wie trivial: Klar, man trifft sich auf Blue-Knights-Treffen als Freunde, und nun begrüßt man eben keine Gäste, sondern tatsächlich Freunde, die sich seit Jahren kennen und häufig durch mehr verbunden sind als durch die Kutte, die sie tragen. Dass die Blue Knights eine internationale Gemeinschaft sind, ist keine Floskel ohne Inhalt. Auf so einem Treffen spürt man es, und man spürt es umso mehr, wenn man das Privileg hat, Gastgeber zu sein: War ich nach dem Aufstehen noch unsicher, ob das alles etwas wird, so hat mir die gemeinsame Vorbereitung die Flügel gestrafft, und unsere Freunde, die nunmehr eintreffen, sind der Wind, der mich trägt.


Das Abendessen legt sich auf die Grundlage von Kaffee und Obst und bildet die Basis für das, was nun unweigerlich folgt: ein Abend mit gehaltvollen Gesprächen und gehaltvollem Getränk, der weit bis in die Nacht reicht – und man sagt, dass zu einer Zeit, in der ich schon längst geschlafen habe, in der lauen Sommernacht in Mülheim Walzer getanzt wurde. Und selbst wenn es nicht stimmt, ist es gut erfunden und passt zu der wunderbaren Stimmung des ganzen Tages.


Das Bauwerk. Eine begehbare Stahlpyramide mit 60 Metern Kantenlänge, gebaut aus 210 Tonnen Stahl und 1.500 Metern Rohr. Sie ruht auf vier Betonsäulen von je neun Metern Höhe.
Der Berg darunter. Die Bergehalde an der Beckstraße in Bottrop erhebt sich rund 90 Meter über ihre Umgebung. Zu Fuß führen 387 Stufen hinauf.
Die Aussicht. Drei Plattformen in 18, 32 und 38 Metern Höhe. Bei klarer Sicht reicht der Blick bis zum Rheinturm in Düsseldorf, rund 40 Kilometer entfernt.
Die Geschichte. Eröffnet am 3. Oktober 1995 als Projekt der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, entworfen vom Darmstädter Architekten Wolfgang Christ. Heute ein Panoramapunkt der Route der Industriekultur.
Aber wir sind ja nicht zusammengekommen, um Walzer zu tanzen; wenn ein Motorradclub sich trifft, dann wird Motorrad gefahren. Fünf Touren waren ursprünglich geplant, vier sind es am Ende geworden, die uns und unsere Gäste in alle Himmelsrichtungen geführt haben. Mir wäre es schwergefallen, mich für eine zu entscheiden, wenn ich nicht bei einer den letzten Mann hätte geben müssen. Mich hat der Ritt durchs bergige Bergische geführt. Und auch wenn die Sonne uns am Morgen nicht gelacht hat – trocken war’s, kurvig war’s, und niemand ist zu Schaden gekommen: Was kann man mehr von einer Motorradtour erwarten?
Na, dass man sich an einem echten Highlight trifft. Unseren Freunden Micha und Carmen ist es zu verdanken, dass wir die – ja, ich denke, man kann wirklich sagen – einmalige Gelegenheit bekamen, mit den Motorrädern auf den Tetraeder in Bottrop zu fahren. Damit sind nicht alle einverstanden: An einem Samstagnachmittag im Sommer ist der Tetraeder ein Magnet, der nicht nur uns anzieht, denn nur an ganz wenigen Stellen im Ruhrgebiet hat man einen so beeindruckenden Blick auf unsere Region. Alle vier Touren haben dort ihren vorläufigen Endpunkt. Und auch wenn ich das eigentlich nie mache, weil ich, zugegeben, ein bisschen Höhenangst habe: Auf die erste Plattform des Tetraeders habe ich mich dieses Mal auch getraut, einfach um von oben zu sehen, wie großartig diese 70, 80 Motorräder da stehen. Ihre Fahrer standen ja fast alle um mich herum; letztlich ist es aber unserem Freund DeeJay gelungen, uns alle an unsere Maschinen zu bringen und in die Kamera einer Drohne winken zu lassen. Verrückte – aber schöne Zeiten, in denen wir leben.


Vom Tetraeder fahren wir mit vollen Herzen und leerem Magen zurück zur Wolfsburg, und unsere Gäste, die eben noch den schönsten Blick von oben auf das Ruhrgebiet hatten, bekommen unten die verkehrsmäßigen Realitäten zu schmecken: Ich finde den Rückweg über das Kreuz Kaiserberg, den berühmten „Spaghettiknoten“, während der seit Jahren bestehenden Dauerbaustelle noch verwirrender als zu den Zeiten, in denen es dort noch keine Baustelle gab. Gott sei Dank fahre ich auch hier nicht vorne mit; dieses verwirrende Fahren über Brücken und Behelfsspuren hätte ich alleine wahrscheinlich nicht ohne Weiteres hinbekommen. Genauer gesagt: Heute Morgen habe ich es schon nicht hinbekommen, denn auf dem Weg zur Wolfsburg hatte ich mich da zum ersten Mal an diesem Tag verfahren.


Seit 1884. Gegründet von dem Theologen Peter Beising als Verein zur Erziehung und Pflege von Kindern mit geistiger Behinderung. Seit 1892 trägt das Haus den Namen des heiligen Franz von Sales.
Das Haus. Das neugotische Backsteingebäude an der Steeler Straße in Essen-Huttrop entstand von 1889 bis 1892 und steht seit 2002 unter Denkmalschutz.
Heute. Rund 2.000 Mitarbeitende begleiten etwa 2.300 Menschen mit geistiger, psychischer oder mehrfacher Behinderung, an rund 40 Standorten in Essen, Bochum und Sundern.
Mehr als Wohnen. Werkstätten, Schulen, ein inklusives Sportzentrum, ein barrierefreies Hotel und ein eigener Bioland-Hof.
Zurück in der Burg: Abendessen, wunderbar und reichlich wie am Tag zuvor. Die Wolfsburg hat uns und die Gäste wirklich wunderbar verköstigt, da bleiben keine Mägen leer und keine Wünsche offen. Das soll auch so sein, denn nach dem Abendessen kommt die Kür: die feierliche Begrüßung all unserer Gäste (seltsam, dass man das quasi am Ende macht, aber anders kenne ich es auch nicht), die Übergabe der Gastgeschenke und, viel bedeutender, der Spende von 1.500 Euro an das Franz Sales Haus in Essen. Denn selbstverständlich wollen wir die Freude über die Gemeinschaft mit unseren Freunden nicht nur für uns genießen, sondern ein bisschen was davon mit denen teilen, zu denen das Leben nicht so gut ist wie zu uns: Die Spende an das Franz Sales Haus ist uns eine große Ehre und Freude, und wir hoffen und wünschen, dass dieser kleine Beitrag in die Herzen der Menschen, die dort leben und arbeiten, ein wenig von der Wärme trägt, die wir alle in uns tragen.
Und um uns: Unser Freund Dirk hat ein großartiges Feuerspektakel organisiert, und als der DJ loslegt, um uns bis in die Puppen tanzen zu lassen, brennt in uns und um uns das ganz besondere Feuer dieses Wochenendes, das man erlebt haben muss, um es erzählen zu können.


Und so endet am Sonntag ein wunderbares Wochenende mit einem Frühstück, das ich wieder nicht mitessen kann, diesmal, weil ich so gerührt bin. Aber das ist an diesem Wochenende ja auch nichts Ungewöhnliches, und so ein bisschen zwackelt die Kutte auch schon; ein Wochenende ohne Frühstück schadet mir nicht. Ich fehle leider auch bei dem anschließenden Segen, den unser Chapter-Pastor denen erteilt, die sich jetzt wieder in alle Himmelsrichtungen aufmachen, bis wir uns auf einem anderen Blue-Knights-Treffen wiedersehen. Ich freue mich auf Euch – und freue mich, dass Ihr mit uns dieses Wochenende zum 25. Chaptergeburtstag zu etwas ganz Besonderem gemacht habt.


Das Wochenende in Bildern


















































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