Ritter, Recken und Raketen
25 Jahre Saxonia –
Wie eine Abordnung gen Osten reitet, während der Chronist die Burg hüten muss

Es gibt Berichte, die schreibt man mit dem Wind im Gesicht und dem Insektenfriedhof auf dem Visier. Und es gibt Berichte, die schreibt man am Küchentisch, mit einer Tasse Kaffee, die nicht aus einem Pappbecher an einer Tankstelle stammt, und mit dem leisen schlechten Gewissen dessen, der diesmal nicht im Sattel saß. Dies hier ist von der zweiten Sorte. Denn als unsere Ritter gen Osten aufbrachen, um in Sachsen ein Vierteljahrhundert Saxonia zu feiern, blieb der Webmaster daheim – und so erzähle ich Euch heute eine Heerfahrt, die ich nicht mitgeritten bin. Ehrlich währt am längsten: Was ich weiß, weiß ich aus den Fotos, die mir die Reisenden mitgebracht haben, und aus ein paar dürren Halbsätzen dazu. Was ich daraus mache, ist der Versuch, einer großen Sache aus der Ferne gerecht zu werden – denn manche Dinge sind zu schön, um sie unerzählt zu lassen, nur weil man selbst nicht dabei war.
Fangen wir mit dem an, was selbst aus der Ferne groß ist: den Zahlen. Rund zweihundert Rittersleute fanden sich ein, aus einunddreißig Chaptern und sieben Ländern. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – sieben Länder, um in einem vogtländischen Wald miteinander anzustoßen. Wer die Fahnen auf dem großen Gruppenbild abzählt, kommt aus dem Staunen kaum heraus: Deutschland, Belgien, Schweden, die Schweiz, Tschechien, die Sterne Europas – alles unter ein Zeltdach gebracht. Und unter den Versammelten, das ist die schönste Zahl von allen, ein Recke von einundneunzig Jahren. Einundneunzig! In einem Alter, in dem andere den Weg zum Briefkasten als Tagestour verbuchen, sattelt dieser Mann auf und fährt zu einem Treffen, das man nicht eben mal so erreicht. Wenn mich also das nächste Mal die Knochen zwicken und ich über die Anfahrt jammere, dann denke ich an diesen Herrn und schweige beschämt.

Die Örtlichkeit, so höre ich, lag im Wald, und im Wald stand ein großes Feldzelt – das Feriendorf KiEZ Waldpark Grünheide, grün-weiß gestreift und mitten ins Vogtländer Grün gesetzt. Das ist kein Festsaal mit Parkett und Garderobenmarke, das ist Lagerfeuerromantik mit Bierbänken und Wimpelketten, wenn draußen der Abend über den Fichten grau wird. Das Wetter, höre ich weiter, war „durchwachsen“ – was im Biker-Vokabular der höflichste aller Redewendungen ist und ungefähr bedeutet: Es hätte schlimmer kommen können. Kam es aber nicht. Denn das Entscheidende ist: zum Glück kein Regen! Und wer je nass bis auf die Unterhose an einer Raststelle stand und seine Handschuhe ausgewrungen hat, der weiß, dass „kein Regen“ auf einer Motorradveranstaltung ungefähr so viel wert ist wie ein voller Tank und eine leere Blase zu Beginn der Tour: Ohne das ist alles nichts, und Petrus war also gnädig. Mehr darf man von ihm im Mai nicht verlangen.


Wenn man die Bilder durchsieht, sticht einer besonders heraus – Mütze, unser Vice-President, überbringt den Gastgebern das klassische Gastgeschenk. Und wie er das tut! Kein steifes Händeschütteln, kein förmliches Überreichen mit Visitenkarte, sondern von Hand zu Hand, von Schulter zu Schulter, mit Umarmungen, bei denen man durch das Foto hindurch spürt, dass hier nicht Protokoll abgewickelt, sondern Freundschaft besiegelt wird. So geht Gastfreundschaft unter Blue Knights, und Mütze verkörpert das wie nur wenige unter uns: Man kommt nicht mit leeren Händen, und man geht nicht mit leerem Herzen. Ein Gastgeschenk ist im Grunde ein kleiner Botschafter – es sagt, ohne viele Worte: Wir sind weit gefahren, weil ihr uns etwas wert seid. Und wer Mütze kennt, der weiß: Einen besseren Botschafter hätte unser Chapter kaum schicken können.



Nun ist so ein Jubiläum kein Stillsitzen, und die Gastgeber hatten mehrere geführte Touren im Programm – denn was wären Blue Knights, die nur am Zelt stünden? Eine dieser Touren aber hat es mir, dem Daheimgebliebenen, besonders angetan, und ich wäre zu gern dabei gewesen: der Abstecher zum Raumfahrtmuseum. Denn hier schließt sich ein Kreis, von dem die wenigsten wissen. Mitten in diesem Vogtland, in einem Ort mit dem zauberhaften Namen Morgenröthe-Rautenkranz, wurde 1937 ein gewisser Sigmund Jähn geboren – und dieser Mann war 1978 der erste Deutsche im Weltall. Der erste Deutsche überhaupt, der diesen Planeten verließ, kam also aus genau der Ecke, in der unsere Streitgenossen nun ihr Bier tranken. Das muss man sich vorstellen: Da brechen Motorradfahrer gen Osten auf, um zu feiern – und stehen plötzlich zwischen Mondauto, MIR-Simulator und einer Ariane-Rakete, die höher hinaus wollte als jede Landstraße. Wir reden gern großspurig vom „Abheben“, wenn die Strecke frei ist und der Motor singt. Der Jähn ist wirklich abgehoben. Gegen den sind wir alle nur Sonntagsausfahrer – aber wenigstens haben unsere Leute ihm im Museum die Ehre erwiesen.



Und abends? Abends, so will es die Sage, wurde gefeiert, wie es sich für ein silbernes Jubiläum gehört: mit Live-Musik und einer Feuertänzerin. Eine Feuertänzerin! An dieser Stelle hört bei mir das ironische Distanzhalten auf, und der Neid des Zuhausegebliebenen schlägt voll durch. Während unsereins daheim die Wetter-App für den nächsten Tag befragte, wirbelten in Sachsen die Flammen durch die Nacht, dröhnte die Musik durchs Feldzelt und stand zweihundert Mann das Staunen im Gesicht. So muss ein Jubiläumsabend sein. Da verzeiht man dem Mai sein durchwachsenes Wetter aufs Wort – denn das Feuer war drinnen, im Zelt und in den Herzen, und draußen durfte es ruhig ein bisschen frisch sein.
Wer schon einmal so nah dran ist, der lässt die Gelegenheit nicht liegen: Ein Teil der Gesellschaft machte einen Abstecher hinüber nach Tschechien – tanken, essen und ein Besuch der Bäderstadt Karlsbad. Und die ist die Reise wert. Dort sprudelt seit Jahrhunderten eine Quelle mit dreiundsiebzig Grad aus dem Boden, dort kurten schon Goethe und Beethoven ihre Wehwehchen weg, und dort erfand ein Apotheker namens Becher einen Kräuterlikör, den die Tschechen ehrfürchtig die „dreizehnte Quelle“ nennen. Dreizehn Heilquellen in einer Stadt – und die wirksamste kommt aus der Flasche. Da soll noch einer sagen, die Böhmen hätten keinen Humor.
Bleiben die, um die es eigentlich geht: unsere Recken, die den Namen der XVI in den Südosten der Republik getragen haben – und zwar von der ersten Stunde an. Ich nenne sie, wie ich sie kenne, und bitte um Nachsicht, wenn mir aus der Ferne ein Name durchrutscht; das ist die Steuer, die der Daheimgebliebene zahlt. Mit dabei waren Mütze, Pöbel, Petra, Werner, Helmut und Hightower, dazu Ole und Sabrina – eine Abordnung, die sich sehen lassen kann. Entscheidend ist ja ohnehin nicht die genaue Kopfzahl, sondern dass überhaupt jemand aufgesessen ist und die vielen hundert Kilometer auf sich genommen hat, um bei zunächst fremden Menschen – und doch Freunden – ein Vierteljahrhundert mitzufeiern. Genau das ist es nämlich, was die Blue Knights ausmacht.
Und damit sind wir beim Eigentlichen, das man auch vom Küchentisch aus sehen kann: man fährt an einem Maiwochenende vierhundert Kilometer und mehr, um in einem Waldzelt mit Leuten anzustoßen, die man nie zuvor gesehen hat. Und das Geräusch hat einen guten Klang – sein Klingen ist das Band, das diesen Verein zusammenhält – über Chapter-Grenzen, über Landesgrenzen, über sieben Länder hinweg. Man kennt sich nicht und ist sich doch nicht fremd; man trägt dieselbe Farbe und teilt dieselbe seltsame Leidenschaft für Motorrad, das einen nass macht, durchfrieren lässt und trotzdem glücklich macht. Bei uns oder in Sachsen, wo sie ein Vierteljahrhundert Saxonia zelebrieren – das feiert man nicht, weil man muss, sondern weil man darf. Und wer hinfährt, der bringt nicht nur sich selbst, sondern ein Stück der Heimat mit, die er vertritt. Eine Abordnung aus Rhein-Ruhr war in Sachsen. Das ist mehr als eine Reisenotiz – das ist gelebte Ritterschaft.
So schließt sich der Bericht, den ich nicht erleben durfte und doch erzählen wollte. Den Gastgebern von Saxonia gilt unser Glückwunsch zu fünfundzwanzig Jahren – mögen die nächsten fünfundzwanzig ebenso feurig werden. Unseren Reisenden gilt der Dank: dafür, dass sie aufgesessen sind, als andere (ich) zu Hause blieben, und dafür, dass sie Fotos mitgebracht haben, aus denen sich sogar aus der Ferne ein Tag bauen lässt. Und dem Einundneunzigjährigen, dessen Namen ich nicht kenne, gilt meine aufrichtige Hochachtung. Auf dass wir alle mit einundneunzig noch so unvernünftig sind.
P.S.: Dieser Bericht entstand vom Küchentisch aus, aus den Fotos und Erzählungen derer, die dabei waren. Sollte ich einen Namen, eine Zahl oder eine Heldentat verbockt haben, so ist das die Schuld des Chronisten, nicht der Recken. Die hier geäußerte Meinung ist meine rein private und spiegelt nicht die Meinung des Chapters wider.
(Gabriel „Schnabel“ Wais, Webmaster)
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